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Rede zum Tag der Deutschen Einheit 2026

Artikel

Es gilt das gesprochene Wort.

Labvakar, dāmas un kungi,

Guten Abend liebe Gäste,

ganz herzlichen Dank dem Chor „Verdandi“ unserer Partnerschule, dem Rigaer Staatlichen Deutschen Gymnasium, für die wundervolle Darbietung der Hymnen!

Eigentlich feiern wir den Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober. Da in Lettland an diesem Tag jedoch die Parlamentswahlen stattfanden, treffen wir uns heute hier im VEF Vasarnīca. Gemeinsam mit meiner Co-Gastgeberin, der Präsidentin der Hamburger Bürgerschaft Carola Veit, begrüße ich Sie herzlich.

Lassen Sie mich mit einem Geständnis beginnen - ich lese gerne Geschichten und besonders solche des Gelingens. Momente, in denen sich das Blatt zum Guten wendete, als kaum jemand damit rechnete. Das Ende des Kalten Krieges, die Deutsche Einheit und der Baltische Weg sind solche Beispiele. Die Menschen bewiesen damals großen Mut, weil sie den Gefahren bereits ins Antlitz geblickt hatten und sich dennoch entschieden, nicht stehen zu bleiben. Die Geschichte hat ihnen recht gegeben, auch wenn wir heute wissen, dass dies nicht das Ende der Geschichte war.

Auch heute stehen wir vor großen Herausforderungen, die wir nicht ignorieren können. Die aktuelle Lage zwingt uns, neue Wege zu finden. Das ist anstrengend, aber notwendig. Wir müssen unsere Energie in diese Gestaltung lenken, statt in der Sorge zu verweilen.

Dieser Geist leitet uns auch bei der Gestaltung unserer Beziehungen zu Lettland. Daran mitwirken zu dürfen, ist für mich und mein Team der Botschaft Riga eine große Freude. Das im vergangenen Jahr erschienene Buch über 30 Jahre bilaterale Beziehungen zeigt bewegend, wie sich seit dem Fall des Eisernen Vorhangs ein dichtes Netzwerk zwischen unseren Gesellschaften entwickelt hat. Diese Freundschaften sind ein starkes Rückgrat. Viele von Ihnen, die dieses Netzwerk täglich mit Leben erfüllen, sind heute Abend hier und ich danke Ihnen von ganzem Herzen!

Dass unsere Länder heute Freunde sein können ist – angesichts der furchtbaren Taten unserer deutschen Vorfahren in Lettland – alles andere als selbstverständlich. Wir sind sehr dankbar dafür.

Unsere beiden Länder ergänzen und unterstützen sich heute gegenseitig auf eine Weise, die weit über diplomatische Protokolle hinausgeht. Trotz schwieriger Geschichte und aller Unterschiede teilen Letten und Deutsche heute sehr viele Gemeinsamkeiten: Wir sind direkt, effizienzorientiert und leidenschaftliche Tüftler. Und über allem schwebt so etwas wie eine kulturelle Verbundenheit. Wussten Sie zum Beispiel, dass Letten wie Deutsche für einen warmherzigen Menschen das gleiche Bild haben – die Sonne im Herzen tragen oder nēsāt sauli sirdī?

Zahlreiche hochrangige Besuche haben unsere Zusammenarbeit im letzten Jahr wie ein gleichmäßig laufender Motor angetrieben und zeigen: wir sind uns gerade in unruhigen Zeiten verlässliche Partner. Symbolisch dafür stehen der Besuch von Außenminister Wadephul bei der lettischen Botschafterkonferenz sowie der regelmäßige Dialog von Bundeskanzler Merz mit den baltischen Staats- und Regierungschefs. Erst diese Woche besuchte Justizministerin Hubig ihren Amtskollegen Edvards Smiltēns hier in Riga.

Unsere Sicherheitszusammenarbeit wächst kontinuierlich. Verteidigungsminister Pistorius besuchte uns im Juni zur Übernahme der Raumverantwortung für Lettland durch das 1. Deutsch-Niederländische Korps. Dieses Engagement erhöht die Abschreckung in Nordosteuropa massiv und zeigt: Deutschland ist bereit, die territoriale Integrität der NATO-Ostflanke langfristig zu schützen. Auf Bitte Lettlands unterstützte die Luftwaffe zudem während der Parlamentswahlen erneut mit vier Eurofightern den Schutz des lettischen Luftraums.

Auch der parlamentarische Austausch ist traditionell stark, etwa durch die Besuche der deutsch-baltischen Parlamentariergruppe sowie der Bundestagsausschüsse für Verteidigung und Menschenrechte. Ebenso tragen parlamentarische Delegationen der Bundesländer – dieses Jahr aus Hamburg, Schleswig-Holstein, Nordrhein-Westfalen und Hessen – seit Jahren zu diesem engen Netzwerk bei.

Oft finden gerade auf Landesebene die intensivsten Kooperationen statt. Der gemeinsame Besuch von Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Günther und Hamburgs Erstem Bürgermeister Dr. Tschentscher steht sinnbildlich dafür. Unsere „Nordlichter“ pflegen die Hansetradition über die Ostsee hinweg und teilen die damit verbundenen Herausforderungen. Liebe Frau Präsidentin, danke für die starke Partnerschaft mit Hamburg und die gemeinsame Einladung zu diesem wunderschönen Empfang!

Auch die Wirtschaft gewinnt an Fahrt: Austausch und Investitionen steigen – befeuert etwa durch die „Techritory“, die als Drehscheibe für europäische Konnektivität viele deutsche Unternehmen anzieht. Ein besonderer Impuls war der Besuch einer großen lettischen Wirtschaftsdelegation unter Minister Valainis in Deutschland. Wirtschaft braucht starke Partner. Danke auch an die deutsch-baltische Handelskammer und die LIAA, die fortlaufend neue Märkte erschließen.

Das letzte Jahr bot viele schöne Erlebnisse, von denen ich nur einige erwähnen kann:

Ich durfte Staatspräsident a.D. Egils Levits das Bundesverdienstkreuz überreichen – ein Symbol für alles, was uns verbindet.

Wir konnten erneut einen ereignisreichen „Monat der deutschen Sprache“ feiern. Wir haben über 120 deutsche Sprachdiplome verliehen und uns über die Qualifizierung von 40 neuen, motivierten Deutschlehrkräften durch das Goethe-Institut gefreut.

Auch dieses Jahr war es uns ein großes Anliegen, alle Regionen Lettlands zu bereisen. Dass uns dies gelungen ist, macht mich sehr glücklich. Nur durch direkte Begegnungen verstehen wir, was das Land bewegt. Wir haben so viele engagierte Menschen getroffen, die mit Herzblut Brücken zwischen Deutschland und Lettland bauen und ein lebendiges Miteinander gestalten. Diese Partnerschaft macht uns stark.

Ein besonderes Ereignis war für mich die Gedenkreise des deutschen Riga-Komitees zum 85. Jahrestag der Deportation und Ermordung europäischer Juden in Riga. Es war ein schrecklicher Anlass, aber zugleich ein Moment des Innehaltens und der Kursbestimmung für ein Europa des Friedens und der Menschlichkeit.

Von einem Menschen, dessen Lebenswerk der Versöhnung tiefe Spuren hinterlassen hat, mussten wir dieses Jahr Abschied nehmen: Marġers Vestermanis, wir vermissen Sie! Doch wir feiern Ihr Leben – ein Leben, das für viele von uns eine Inspiration zu Anstand und Menschlichkeit bleibt. Mein Dank gilt Ihnen und Ihrer Familie sowie der Jüdischen Gemeinde.

Meine Damen und Herren, die Geschichte unseres Kontinents lehrt uns, welche Politik uns in den Abgrund führt. Ich bin im geteilten Deutschland aufgewachsen, wenige Kilometer von der innerdeutschen Grenze entfernt. Diese Beklommenheit werde ich nie vergessen.

Das Europa, das wir nach dem Horror zweier Weltkriege gemeinsam aufgebaut haben, ist trotz all seiner Schwächen das Beste, was uns über Generationen hinweg gelungen ist. Doch wir dürfen uns nicht darauf ausruhen.

Gerade heute, da der Streit um Einflusssphären erneut ausgebrochen ist, spüren wir: Alleine sind die europäischen Nationalstaaten auf der Weltkarte ein kleiner Punkt. Aber als geeintes Europa, mit all unseren wertvollen Unterschieden, sind wir eine starke Gemeinschaft, auf die weltweit mit Respekt geblickt wird. Lassen Sie uns deshalb an dieser Gemeinschaft arbeiten und die Lehren aus der Vergangenheit bewahren.

Wir wünschen uns Freiheit, Unabhängigkeit und Selbstbestimmung. Deshalb unterstützen wir die Ukraine nach Kräften in ihrem Verteidigungskampf gegen den barbarischen, völkerrechtswidrigen Angriff Russlands. Wir werden darin nicht nachlassen.
Wir wollen Wohlstand für künftige Generationen, Frieden, Menschlichkeit und Verlässlichkeit. Das funktioniert nur, wenn wir einander achten, Kompromisse finden und gemeinsam hinter Lösungen stehen.

Das ist es, was Demokratie für mich bedeutet. Es ist kein einfacher, auch kein gerader Weg.

Aber am Ende zählt: dass die Richtung stimmt.

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