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Was uns verbindet – 25 Jahre nach Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen zwischen Deutschland und Lettland

Artikel

Beitrag von Botschafter Rolf Schütte, Riga, für die „BALTISCHEN BRIEFE“, Ausgabe September 2016

Am 28.08.1991 nahmen Deutschland und Lettland ihre diplomatischen Beziehungen wieder auf. Das Wörtchen „wieder“ spielt in diesem Zusammenhang eine große Rolle, denn die Akteure damals waren ein Deutschland, das seit weniger als einem Jahr wieder vereinigt war, und Lettland, das nur eine Woche zuvor seine Unabhängigkeit wieder gewonnen hatte. Erstmals hatten Deutschland und Lettland im Jahre 1921 diplomatische Beziehungen aufgenommen. Deshalb feiern wir in diesem Jahr nicht nur den 25. Jahrestag der Wiederaufnahme, sondern auch den 95. Jahrestag der erstmaligen Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen beiden Ländern. Darauf hinzuweisen, ist gerade der lettischen Seite besonders wichtig, denn so wird auch die Kontinuität des lettischen Staates unterstrichen, der im Jahre 2018 den 100. Jahrestag seiner Unabhängigkeit feiern wird. Für mich persönlich ist es eine besondere Ehre, der nunmehr zehnte deutsche Botschafter in Lettland seit Wiederaufnahme der Beziehungen zu sein. Das Nummernschild an meinem Dienstwagen mit der Ziffer „100“ erinnert auch daran, dass die Bundesrepublik Deutschland unter den allerersten Staaten  überhaupt war, die  in Riga eine Botschaft eröffneten, seinerzeit unter der Leitung von Hagen Graf Lambsdorff, der bereits am 02.09.1991 sein Beglaubigungsschreiben als Botschafter überreichte.

Deutschland und Lettland waren in all diesen Jahrzehnten seit 1921 in ganz besonderer Weise miteinander verbunden. In guten wie in schlechten Zeiten. Den Tiefpunkt erreichte das Verhältnis während des Zweiten Weltkriegs. Nach dem zwischen der Sowjetunion und Nazi-Deutschland 1939 geschlossenen  Pakt und seinem geheimen Zusatzprotokoll kam es 1940 zur ersten sowjetischen Okkupation des Landes, die von der lettischen Bevölkerung ungeheure Opfer durch Deportation und andere Untaten forderte. Nach dem Ende dieser deutsch-sowjetischen Kollaboration und dem Überfall Hitlers auf die Sowjetunion führte die deutsche Okkupation des Landes ab 1941 nicht etwa zur erhofften Wiederherstellung der lettischen Freiheit und Unabhängigkeit, sondern vor allem für die jüdischen Bewohner Lettlands in eine Katastrophe, die nur wenige von ihnen überlebten. Bei allem Positiven, was unsere Länder und Völker verbindet, dürfen wir dieses und andere Verbrechen, die von Deutschen oder im deutschen Namen in Lettland in den Jahren der deutschen Besetzung begangen wurden, niemals vergessen.

Dieses finsterste Kapitel in der deutsch-lettischen Geschichte beendete auch die bis ins Mittelalter zurückreichende Präsenz von Deutschen in dem Gebiet, in dem heute auch die Republik Lettland liegt. Es war der deutsche „Führer“, der die Baltendeutschen ihrer Heimat beraubte. Viele von ihnen verließen Lettland mit Tränen in den Augen und unter Absingen der lettischen Nationalhymne. Ich bin im ersten Jahr meiner Tätigkeit als deutscher Botschafter in Lettland etlichen dieser damals ausgesiedelten Baltendeutschen und ihren Nachkommen begegnet, die sich Lettland noch immer freundschaftlich verbunden fühlen und materiell, finanziell und ideell viel dazu beigetragen haben und noch immer dazu beitragen, dass die positiven Aspekte des über 800-jährigen Zusammenlebens von Deutschen und Letten nicht vergessen werden. In diesem begrüßenswerten Ansatz finden sie auch auf lettischer Seite viele Mitstreiter. Die Aktivitäten des „Domus Rigensis“ sind dabei ein gar nicht hoch genug zu schätzendes Forum für diese Zusammenarbeit. Dass diese Verbundenheit, ja auch Symbiose von Deutschen und Letten auch auf lettischer Seite hoch geschätzt wird, konnte ich während meiner Tätigkeit in Riga u.a. erkennen, als ich in der Akademie der Wissenschaften an der Verleihung eines Preises teilnahm, der nach dem Erfinder der Minox-Kamera, Walter Zapp , benannt ist, als wir mit dem in Riga geborenen Architekten Meinhard von Gerkan in der Peterskirche eine Ausstellung seiner Baumodelle eröffnen konnten oder als ich der Feier zum 280. Jahrestag der Grundsteinlegung von Schloss Ruhenthal/Rundale beiwohnte, an der auch Nachkommen der seinerzeit in Kurland ansässigen Adelsfamilien teilnahmen. In Kürze werde ich gemeinsam mit der lettischen Kulturministerin die Schirmherrschaft über die Verleihung des „Brederlo-von Sengbusch Kunstpreises für Studierende der Lettischen Kunstakademie“ übernehmen.

Wenn man in Lettland auch heute noch vielen Persönlichkeiten begegnet, die über ausgezeichnete Deutsch-Kenntnisse verfügen, dann ist die jahrhundertelange und auch heute noch überall sichtbare Präsenz von Deutschen vor allem im Wirtschafts- und Kulturleben in Stadt und Land, dann ist das deutschbaltische Erbe aber sicher nur ein Faktor für diese erfreuliche Tatsache.     

Deutschland und Lettland verbinden heute  nicht nur eine geographische Nähe und eine lange gemeinsame Vergangenheit. Insbesondere seit der von der Bundesregierung nach Kräften unterstützten Mitgliedschaft Lettlands in EU und NATO ist das Schicksal beider Länder in ganz unmittelbarer Weise miteinander verknüpft, sind wir zu wahren Partnern geworden, die heute sogar eine gemeinsame Währung teilen. Die europäischen Werte, nicht zuletzt das Grundprinzip der Solidarität, sind dabei die Grundlage der Zusammenarbeit. Diese müssen sich in der Realität immer aufs Neue bewähren, wie die nur gemeinsam zu bewältigenden Herausforderungen während der Finanz- und der Flüchtlingskrise, aber auch die in der Sicherheitspolitik beweisen. Hier geht es aber nicht nur um militärische Beiträge wie die deutsche Beteiligung an der Luftraumüberwachung über dem Baltikum, Teilnahme an Manövern und Flottenbesuche. Zu einer Stärkung der Sicherheit des lettischen Partners im weiteren Sinne sollen auch Maßnahmen zur sogenannten Resilienzbildung beitragen, die die Außenminister beider Staaten, Steinmeier und Rinkevics, im April 2015 in einem Aktionsplan beschlossen haben. Aus Mitteln des Auswärtigen Amtes werden hier verschiedene Maßnahmen gefördert, darunter solche zur Journalistenausbildung und Entwicklung der Medienkompetenz von Lehrern, ein Minderheitenkulturfest oder auch die Vermittlung von Erfahrungen des deutschen dualen Bildungssystems an lettische Schüler.

Gemeinsam Probleme zu lösen, ist nur möglich in einem intensiven, offenen und vertrauensvollen Dialog zwischen beiden Partnern. Der Staatsbesuch von Bundespräsident Joachim Gauck in Lettland im Jahre 2013 und der bilaterale Besuch von Bundeskanzlerin Angela Merkel im Jahre 2014 waren in jüngster Zeit Höhepunkte in einem außerordentlich intensiven offiziellen Besucheraustausch, an dem auf deutscher Seite Exekutive, Legislative und Judikative, Bund und Länder gleichermaßen beteiligt sind. Wie wichtig der kontinuierliche Dialog mit Lettland der Bundesregierung war und ist, wird besonders deutlich an der Tatsache, dass Frank-Walter Steinmeier Lettland im Herbst 2016 bereits seinen 7. Besuch als Außenminister abstatten will.    

Es ist die vornehmste Aufgabe der Deutschen Botschaft in Riga, diesen intensiven Besucheraustausch zu begleiten und die deutsch-lettische Partnerschaft mit Leben zu erfüllen, die intensiven Kontakte und Begegnungen von Vertretern aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft, aber auch aus der Zivilgesellschaft und das ohnehin große Interesse in Lettland an Deutschland  nach Kräften zu fördern. Dabei wird die Deutsche Botschaft tatkräftig unterstützt von anderen in Lettland tätigen deutschen Organisationen und Institutionen wie dem Goethe Institut, der Deutsch-Baltischen Handelskammer, dem Deutschen Akademischen Austauschdienst, der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen, dem Deutsch-Baltischen Hochschulkontor und den politischen Stiftungen, vor allem den mit Büros in Riga vertretenen, der Konrad-Adenauer-Stiftung und der Friedrich-Ebert-Stiftung. Auch die wichtigen Projekte des Volksbunds Deutscher Kriegsgräberfürsorge in Lettland sollen in diesem Zusammenhang nicht unerwähnt bleiben.

Wirklich blühen und gedeihen aber können die bilateralen Beziehungen nur, wenn sie nicht nur von offiziellen Vertretern der betroffenen Länder getragen werden, sondern auch von einer interessierten, engagierten und aktiven Zivilgesellschaft. Neben dem bereits erwähnten „Domus Rigensis“ möchte ich hier besonders die Städtepartnerschaften erwähnen. Bei Gesprächen mit Vertretern der beteiligten Städte habe ich dabei viel erfahren über die Projekte, die z.B. Darmstadt und Liepaja, Gütersloh und Valmiera, Bremen und Riga miteinander verbinden

Städte waren es auch, die zu Zeiten der Hanse den Grundstein für die guten Wirtschaftsbeziehungen zwischen den Ostseeanrainern legten. Heute gehört Deutschland weiterhin zu den wichtigsten Handelspartnern Lettlands, und mehr als 1200 deutsche Unternehmen sind in Lettland aktiv. Die Verbindung über die Ostsee erlaubte schon in der Vergangenheit nicht nur den Austausch von Waren, sondern auch von Kenntnissen und Fertigkeiten. An diese Tradition konnte in den vergangenen 25 Jahren angeknüpft werden, etwa indem Deutschland den lettischen Behörden bei der Einführung der dualen Berufsbildung beratend zur Seite stand.

Schließlich sollte aber auch der Bereich der bilateralen Beziehungen nicht vergessen werden, an dem viele Bürger beider Länder ein besonderes Vergnügen haben: die Kulturbeziehungen. Auch diese reichen weit in die Vergangenheit zurück. Man denke nur an das Wirken von Herder und Wagner in Riga, aber auch an die Rolle deutscher Pastoren bei der Herausbildung der lettischen Sprache und Identität, an die großen Architekten Paul Max Bertschy und Michail Eisenstein oder die Film- und Theaterwissenschaftlerin und Autorin Valentina Freimane, in deren Lebensläufen deutsche und lettische Städte gleichermaßen eine große Rolle spielen. Umgekehrt haben lettische Weltstars wie die Dirigenten Maris Janssons und Andris Nelsons, die Sängerin Kristine Opolais, die Organistin Iveta Apkalna und die Violinistin Baiba Skride heute in Deutschland ihre zweite Heimat gefunden, andere  treten häufig in Deutschland auf. Diese Verbindungen und Bindungen in Vergangenheit und Gegenwart sollen auch in den großen Jubiläumsjahren 2017 und 2018 in den Blick gerückt werden. Im nächsten Jahr steht zunächst das 500. Reformationsjubiläum im Mittelpunkt: da Riga in der Geschichte der Reformation eine ganz herausgehobene Stellung einnimmt, wird sich die Deutsche Botschaft hierzu an einer Reihe von Veranstaltungen beteiligen oder solche selbst durchführen. Der Blick richtet sich aber auch bereits auf das Jahr 2018, in dem Lettland den 100. Jahrestag seiner Unabhängigkeit feiern wird. Die Botschaft wird sich gemeinsam mit dem Auswärtigen Amt darum bemühen, einen diesem großen Ereignis angemessenen Beitrag unter dem Motto „Musik verbindet“ zu leisten. Doch auch in diesem Zusammenhang sollte noch einmal unterstrichen werden, dass die deutsch-lettische Partnerschaft und Freundschaft nicht nur auf der Grundlage von offiziellen Kontakten und aus Steuermitteln geförderten Beiträgen gedeihen kann, sondern auch auf die Initiativen und Aktivitäten der Zivilgesellschaft, von Verbänden, Vereinen und Individuen angewiesen ist. Auch die Vereinigungen der Deutschbalten und ihnen verbundene Persönlichkeiten können hier weiterhin einen wichtigen Beitrag leisten.